Trotz Buch: Peter Neururer will es nochmal wissen

Peter Neururer

Ich gebe zu: Seit meinem Studium ist mein jährlicher Bücherkonsum auf überschaubare Dosen zusammengeschrumpft. Die Quasi-Biografie von Peter Neururer habe ich aber doch verschlungen. Obendrein ist der Trainerfuchs mit seinem Ultimatum durchgekommen: „Wenn bis zum Ende dieser Saison nichts kommt, dann höre ich als Trainer auf“, ließ Neururer 2012 im Stadion Essen wissen. Der VfL Bochum knickte ein. Eine Buchkritik gibt es am Ende des Beitrags.

War’s das für den selbst ernannten Meister der Verbalerotik? Nach dreizehn Trainerstationen in 25 Jahren? Seit Montag ist „Peter Neururer – Aus dem Leben eines Bundesliga-Trainers“ im Handel erhältlich. Doch nein, das Buch sei keineswegs als fertige Bilanz einer Karriere zu verstehen. Peter Neururer zieht es vielmehr zurück in den bezahlten Fußball.

Es hätte niemanden verwundert, hätte der 57-Jährige in diesen Tagen seinen endgültigen Rücktritt vermeldet. Seit drei Jahren ist Neururer nun ohne Trainerposten, vor vier Monaten erlitt er beim Golfen einen Herzinfarkt. „Ich war schon weg“, betont Neururer, dem die Erinnerungen von vier Tagen abhanden gekommen sind. Der gedankenschnellen Herzmassage eines befreundeten Mitspielers ist es mitunter zu verdanken, dass der heutige Sport1-Experte weiterhin seinen Senf zum Geschäft beisteuern kann.

Doch die Teilnahme an Talkrunden füllt den Fußballverrückten nicht aus. Während andere in seiner Situation einen Gang zurückschalten, will es Peter Neururer nochmal wissen. Als „Trainer oder Sportdirektor eines Vereines in der 1. oder 2. Bundesliga“. Nicht gerade die herzschonendste Anstellung, oder? Der Trainer im Wartestand winkt ab. Eine Mannschaft betreuen, das sei wie Urlaub. „Freizeitgestaltung hingegen bedeutet für mich Stress.“ Neururer geht sogar so weit zu behaupten: „Mit Trainerjob wäre es gar nicht zu dem Vorfall auf dem Golfplatz gekommen.“

Neururer ist jedenfalls einsatzbereit, fühlt sich „besser als je zuvor“. Der Sponsorenvertrag mit einem Zigarettenhersteller liegt auf Eis, der Fußballlehrer, den man noch bis ins Jahr 1993 quarzend auf der Trainerbank sah, hat das Rauchen drangegeben. Der augenscheinlichste Einschnitt nach dem Herzkollaps. „Ansonsten bin ich der Alte“, beteuert Neururer.

Doch warum nun das Buch, das er gemeinsam mit Autor Thomas Lötz dort vorstellte, wo die Laufbahn als Profi-Trainer ihren Anfang nahm – an der Hafenstraße bei Rot-Weiss Essen? Ganz einfach: „Der Verlag hat eben angefragt.“ Wer Verantwortung für 560 Bundesligaspiele übernommen hat, der habe eben viel zu erzählen. Die Auszüge „Aus dem Leben eines Bundesliga-Trainers“ seien demnach keineswegs als abschließende Abrechnung zu verstehen. Vielmehr als Erfahrungsbericht, der der nachwachsenden Trainergeneration als Leitfaden dienen könne. „Ich habe Fehler gemacht, bin zwischen die Fronten des Boulevards geraten. Vielleicht können junge Kollegen etwas mitnehmen“, so Neururer.

Bevor der Buchdeckel endgültig zuklappt, will der gebürtige Marler seine eigene Geschichte noch um ein weiteres Kapitel erweitern. Immer wieder trudeln Angebote ins Haus der Neururers ein, nicht täglich, aber zumindest wöchentlich. Aber halbseidene Angebote aus Fußballschwellenländern, in denen die nationalen Ligen zur Spielwiese übereifriger Investoren mutiert sind, reizen den verdienten „Feuerwehrmann“ nicht.

Neururer möchte zurück in den deutschen Fußball. Doch möchte der deutsche Fußball Neururer zurück? „Bisher war nichts Ansprechendes dabei“, gesteht der Trainer im Unruhestand. Und so langsam verrinnt die Zeit. Drei Jahre ohne Trainerjob – in anderen Branchen können schon kürzere Auszeiten die Rückkehr verbauen. Deshalb sagt Peter Neururer auch: „Wenn bis zum Ende dieser Saison nichts kommt, dann höre ich als Trainer auf und intensiviere die Arbeit als Experte.“ Ein Hintertürchen für ein Comeback nach der Spielzeit 2012/13 hält sich Neururer allerdings offen. „Sollte einer meiner Herzensvereine anfragen – das sind der FC Köln, Schalke 04 und der VfL Bochum – ich würde keine Sekunde zögern.“

Buchkritik: „Peter Neururer – Aus dem Leben eines Bundesliga-Trainers“

Keine Frage: „Aus dem Leben eines Bundesliga-Trainers“ hat etwas Biographisches; und eine Biographie, die besitzt oft einen abschließenden Charakter. Diesen Eindruck versuchen der Autor Thomas Lötz und Peter Neururer zu entkräften, wohlwissend um die bittere Ironie der Entstehungsgeschichte: Es hätte nicht viel gefehlt und „Aus dem Leben eines Bundesliga-Trainers“ wäre als Nachruf erschienen.

Peter Neururer selbst sieht das Buch als einen knapp 190-seitigen Erfahrungsschatz; Autor Thomas Lötz, zweifelsfrei fasziniert von seinem „Forschungsgegenstand“, ist bemüht, die Distanz zu wahren. Etwa dann, wenn er die Ereignisse rekapituliert, die zur Beurlaubung Neururers auf Schalke führen, lässt er die Darstellungen von Manager Helmut Kremers und Präsident Günter Eichberg einfließen. Kapitelweise jedoch erliegt Thomas Lötz dem Charme seines Protagonisten. Während Kritiker von einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung Neururers ausgehen, positioniert sich der Autor immer wieder auf der Seite der Fürsprecher, die den Übungsleiter für einen chronisch verkannten Fußballexperen halten. Lötz schreibt, was ihm Neururer in „sechs, sieben“ Interviewsitzungen eröffnet – das Erzählen in der dritten Person kaschiert die autobiographischen Züge nur bedingt. Leitmotiv ist die Gradlinigkeit des Trainers, das ihn bisweilen zum tragischen Helden hochjazzt. Als VfL-Trainer ist er zu stolz, um vom Rücktritt zurückzutreten, „obwohl Neururer innerlich an seiner Entscheidung zerbricht, hält er an ihr fest. […] Noch heute fragt er sich bei jedem Besuch im Bochumer Ruhrstadion, wie er das alles hat wegschmeißen können. Aber er würde sich auch heute wieder genauso entscheiden. Aus Prinzip. Aus Glaubwürdigkeit. Aus Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.“

Rückschau auf eine 25-jährige Trainerkarriere, Anekdotensammlung, Einblick in den Wahnsinn des Fußballgeschäfts – nur eines ist „Aus dem Leben eines Bundesliga-Trainers“ nur bedingt: Das Empfehlungsschreiben eines Trainers, der mit aller Kraft zurück in die Bundesliga möchte. Wer sich auf Neururer einlässt, muss damit rechnen, irgendwann in den Fundus seiner zahlreichen Schwänke aufgenommen zu werden. Schon längst ist Peter Neururer einer der führenden Whistleblower im deutschen Fußball. Sehr zur Freunde für uns Außenstehende, die oft nur die glatt polierte Oberfläche der Branche präsentiert bekommen.

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