ABZV-Video: Der Lokalredakteur – Plädoyer mit Beigeschmack

„Ich will ums Verrecken nichts anderes machen“, sagt Frank Spiegel über seinen Beruf. Spiegel ist Lokaljournalist beim Westfalen-Blatt im Kreis Höxter. Das Bildungswerk der Zeitungen begleitete den Überzeugungstäter mit der Kamera. Herausgekommen ist ein aufschlussreicher Imagefilm über jenen „Teil“bereich des Journalismus, in dem tatsächlich 60 Prozent der Reporter unterwegs sind. Aufschlussreich deshalb, weil er zeigt, dass der Lokaljournalismus besser und wichtiger ist als sein Ruf. Weil er aber auch die schwierigen Bedingungen innerhalb der lokalen Berichterstattung offenbart.

Aus Erfahrung kann ich Frank Spiegel nur beipflichten: Lokaljournalist ist ein schöner und ehrenwerter Beruf. Während Kollegen von einer Pressekonferenz zur nächsten hecheln, sich durch den Wust von dpa-Meldungen wühlen oder am Newsdesk versauern, behält sich der Lokaljournalist – sofern er seine Aufgabe ernst nimmt – seine soziale Erdung bei.

„Man ist unglaublich nah am Leser“, weiß Frank Spiegel. Welcher Brüssel-Korrespondent kann mit Gewissheit sagen, ob seine Informationen aus dem Kreis der EU-Parlamentarier den Nerv des Rezipienten treffen? Mir entgegnete ein Leser, den ich im Stadtteil traf: „Was interessiert mich schon, was die Herren in Berlin ausklüngeln? Ich will wissen, was in meinem unmittelbaren Umfeld passiert!“ Ich kann versichern, dass dies keine Einzelmeinung ist.

Im Video sieht man Frank Spiegel, wie er zu einer Spendenübergabe eilt. Man mag darüber schmunzeln. Oder als Brüssel-Korrespondent berechtigterweise einwenden, ob es gerade diese Geschichte ist, die den Nerv des Rezipienten trifft. In dieser Hinsicht gibt sich das Video keinen Verklärungen hin. „Sicherlich sind das nicht die großen journalistischen Highlights“, kommentiert Frank Spiegel entwaffnend ehrlich.

Man hätte Frank Spiegel auch im knallhart-investigativen Zwiegespräch mit dem Bürgermeister zeigen können. Oder am Ufer der Weser, wo Umweltsünder ihre Spuren hinterlassen haben. Solche Geschichten spiegeln aber nicht den Alltag wider.

Wichtig ist: Frank Spiegel zeigt Präsenz. Er hätte sich die Infos ja auch „reingeben lassen“ können, wie er auf der Fahrt zur Übergabe erwähnt. „Die Leute freuen sich“, „in der Zeitung zu stehen, ist für sie immer noch etwas besonderes“ – alles Beobachtungen, die richtig und wichtig sind.

Was der Beitrag leider nur andeutet: Diese Termine ermöglichen Gespräche am Rande, in denen der Lokaljournalist die wahre Geschichte hinter der Geschichte kennenlernt, die Sorgen und Nöte seiner Leser in Erfahrung bringt. Und so Anknüpfungspunkte für eine Berichterstattung findet, die das Salz in der Lokaljournalismus-Suppe sind. Spiegel vergleicht seine Tätigkeit mit der seines Sozialarbeiters. Da ist es schade, dass er nur 20 Minuten Zeit mitbringen kann – „sonst wird es ineffektiv“.

Womit wir bei den strukturellen Problemen im Job angelangt wären. Den Kasus Knactus gibt es gleich zum Einstieg. 28 Millionen investiert das Verlagshaus in eine Druckerei in Paderborn. Im benachbarten Landkreis Höxter sieht man Frank Spiegel, der in einer Zweieinhalb-Mann-Redaktion tätig ist, nicht nur zu Terminen rausfährt und Artikel verfasst, sondern auch fotografiert, Videos bastelt, Terminkalender abtippt, Seiten baut, Twitter und Facebook im Auge behält. Hochachtung vor diesem Pensum.

„Man muss nicht großartig studiert haben“, macht Frank Spiegel denjenigen Mut, die es ihm gleichtun wollen/sollen. Sicherlich richtig. Vor dem Hintergrund des Gesehenen ist diese Bescheidenheit vielleicht löblich, aber auch gefährlich: Das, was Frank Spiegel und viele andere Kollegen machen, kann nicht jeder. In Zeiten von Etatkürzungen, Entlassungen und Zombie-Zeitungen scheinen Verlagshäuser aber genau das zu denken.

Könnte man zur Abwechselung nicht mal dieses Engagement in den vielen kleinen Lokal-Redaktionen mit der einen oder anderen Investition belohnen? Schließlich sind Zeitungen wie das Westfalen-Blatt im lokalen Bereich „dominierend“. Noch.

P.S.: Nichts gegen Brüssel-Korrespondenten. Ehrlich.

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