„Massive Vereinnahmungsstrategie“ einer koreanischen Gemeinde in Essen

Korea_Gemeinde

Themenfindung leicht gemacht: Manche Geschichten laufen einem zu, wie diese skurrile Begegnung zeigt. Dieser „Erfahrungsbericht“ erschien im Mai 2012 in verschiedenen Ausgaben des Essener Stadtspiegels.

Alles beginnt mit einer völlig unverfänglichen Frage. „Wir machen eine Aufgabe für die Uni. Hättest Du kurz Zeit, um uns zu helfen?“ Vor mir stehen zwei junge, asiatische Frauen. Zierlich, unbeholfen im Gebrauch der deutschen Sprache. Völlig unverdächtig. Doch in Wirklichkeit sind die beiden Damen im Auftrag der „Kirchengemeinde Gottes Weltmissionsverein“ unterwegs, einer religiösen Gruppierung mit Ursprung in Korea, die in Essen durch aufdringliche Anwerbungsversuche auffällt.

Da stehen sie nun und schauen mich mit erwartungsvollen Augen an. Theologiestudentinnen seien sie, um ihnen zu helfen, müsste ich nur ein paar Fragen beantworten. So wirklich interessiert bin ich nicht – aber Studenten lassen ja einander nicht hängen. Und der Bus kommt ohnehin erst in zehn Minuten. Also tue ich ihnen den Gefallen. Wobei: Für religiöse Fragen bin ich nicht gerade der richtige Ansprechpartner.

Meine Zweifel bezüglich meiner Eignung sind schnell zerstreut. Wer weiß schon, wie oft das Duo heute abgewimmelt wurde? Jedenfalls zückt der sprachgewandtere Part wie euphorisiert ein kleines Heftchen mit vielen bunten Bildern hervor. Was darauf zu erkennen ist? Ich habe nicht den blassesten Schimmer. Ich kann den Ausführungen der Wortführerin – das andere Mädel lächelt nur höflich – nur schwer folgen. Wann kommen denn die Fragen, die ich beantworten soll?

Die Gedanken sind schon woanders, da realisiere ich, dass endlich mein Typ gefragt ist. „Kannst Du Dir Gott als Frau vorstellen?“ Da muss ich nicht lange überlegen. „Ja, sicher“, setze ich an. Ich blicke in freudestrahlende Gesichter – als sei ich der Mitstreiter, nach dem die Beiden so lange erfolglos fahnden mussten.

Als solcher wollte ich mich allerdings nie zuerkennen geben. Also schiebe ich schnell ein „im Prinzip ist mir das egal“ nach. Und eröffne ihnen, dass ich als Atheist nicht an Gott glaube. Meine Gesprächspartnerinnen wiederum scheinen jedoch nicht an Atheisten zu glauben. „Wieso glaubst Du nicht?“ Jetzt ernte ich mitleidige Blicke. Zeit, in die Offensive zu gehen und über fehlende Gottesbeweise zu dozieren. Doch nach dem dritten „Wieso glaubst Du nicht?“ merke ich: mein Vortrag zielt ins Leere. Der Bus fährt vor, gerade rechtzeitig. Meine höfliche Ader steht kurz davor zu versiegen.

Diese skurrile Begegnung ist beinahe vergessen, da wuselt das Duo einige Wochen später durch unseren Hausflur. „Ist ja eine ziemlich umfangreiche Aufgabe für die Uni“, denke ich mir. Als es bei mir klingelt, bin ich spontan nicht zuhause.

Da ist mir bereits klar, dass die Hausaufgabe nur ein Vorwand ist. Bekannte wurden, vorzugsweise auf dem Campus in Essen, ebenfalls angesprochen und wissen von ähnlichen Episoden zu berichten. Nur: Die angeblichen Studentinnen sind in den theologischen Fakultäten der Universität Duisburg-Essen nie in Erscheinung getreten.

Dafür gehen seit 2010 „etliche“ Anfragen bei der Sekten-Info NRW ein. Sie entlarvt die vermeintlich harmlose Fragerunde als „massive Vereinnahmungsstrategie der koreanischen Kirchengemeinde Gottes Weltmissionsverein“.

„Wir bekommen immer wieder mit, dass Passanten drängend missioniert werden“, berichtet Sabine Riede, Geschäftsführerin der Sekten-Info. Der Missionsverein zählt zu den so genannten synkretischen Neureligionen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sich klassische Lehren zum Vorbild nehmen, diese allerdings auch kräftig durcheinander werfen. In diesem Fall wird dem biblischen Gottvater eine Gottmutter zur Seite gestellt, beide gilt es gemeinsam anzubeten. Passend hierzu ließ sich das Gründerpärchen der Gemeinde als Reinkarnation der pluralistischen Gottheit feiern.

Doch worin liegt nun die „massive Vereinnahmungsstrategie“ begründet? Gut, man wird die beiden Fragestellerinnen nur schwer los. „Die Mitglieder, insbesondere die weiblichen, sind sich ihrer Wirkung bewusst. Wenn man keine Lust auf das Gespräch mehr hat, schauen sie einen mit großen, mitleidigen Augen an“, weiß Christoph Grotepass, Experte bei der Sekten-Info, aus Erfahrung.

Wer sich auf die Missionare einlässt, wird zu einer Bibelstunde in der Zentrale am Kornmarkt eingeladen. „In einem Fall haben sie eine junge Frau so sehr verunsichert, dass sie bereit war, sofort eine neue Taufe durchführen zu lassen“, berichtet Sabine Riede. In einem anderen, etwas zurückliegenderen Fall war das Ergebnis eine 15-Jährige, die sich zu einem Lehrenstudium in Korea bereit erklärte. Grotepass gibt nun besorgten Eltern jedoch Entwarnung: „Das hat die Gemeinde in Schwierigkeiten gebracht, mittlerweile lässt sie von Minderjährigen ab.“

„Konvertiten“, die aus der Gemeinde austreten wollen, haben es schwer. Zwar bleiben massive Bedrohungen oder Gewalt aus, allerdings werden Ausstiegswillige durch wiederholte Einladungen oder Telefonanrufe psychologisch unter Druck gesetzt. Dank der Beratung der Sekten-Info konnten bisher Betroffene jedoch so gestärkt werden, dass sie sich schließlich der ungewollten Bindung los sagten.

Ein ausführlicher Bericht eines Aussteigers findet sich auf der Homepage der Sekten-Information NRW.

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